Giambattista VICO (23. Juni 1668 – 23. Januar 1744)

Vico, in Neapel geboren und gestorben, damals Hauptstadt eines Teils des spanischen Weltreiches und für kurze Zeit geistiges Zentrum in Europa, studierte auf Wunsch des Vaters Rechtswissenschaften. Vico brach jedoch das Rechtsstudium ab mit der Begründung, es sei zu wenig systematisch und zu sehr an Einzelfällen orientiert. Danach eignete er sich den Rechtsstoff autodidaktisch an. Vico benutzte als einführendes Lehrbuch zum römischen Recht den Kommentar zu den Justinianischen Institutionen des deutschen, an der Marburger Universität lehrenden Hermann Vultejus (1555-1634) sowie zum kanonischen Recht die Werke des holländischen, an der Universität Ingolstadt seit 1590 lehrenden Heinrich Canisius (1562-1610). Schließlich immatrikulierte sich Vico 1689 an der juristischen Fakultät der Universität zu Neapel und wurde 1693 oder 1694 in Salerno zum Doctor iuris utriusque promoviert. Nach eigener Einschätzung nicht geeignet zum rechtspraktischen Beruf, übernahm er eine Hauslehrerstelle bei Domenico Rocca, Markgraf von Vatolla, ein Bergdorf südlich von Salerno gelegen, das heute ganz im Zeichen Vicos steht und auch ein Vico-Museum beherbergt. Dort verweilte Vico mit der Erziehung der Kinder des Markgrafen nach seinen Angaben neun Jahre lang.

Danach begann sich Vico in die unterschiedlichen Wissensgebiete einzuarbeiten. Vier Autoren nannte Vico, die ihn zutiefst beeindruckt haben: Platon, Tacitus, Bacon und Grotius. Ausgangspunkt, so Vico in seiner Selbstbiographie, waren seine juristischen Studien. So habe er sich nach der Lektüre von Laurentius Vallas (1405 oder 1407-1457) De latinae linguae elegantia, erstmals 1471 gedruckt, und aufgrund dessen Kritik am Latein der spätmittelalterlichen Juristen zum Studium der lateinischen Sprache entschlossen. Valla ist auch von Savigny in seinen Kurzbiographien zur Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter aufgenommen worden.

Vico kehrte 1695 endgültig nach Neapel zurück, heiratete vier Jahre später und wurde Vater von acht Kindern, von denen drei früh verstarben. 1697 erhielt er eine Professur für Rhetorik an der Universität Neapel. Im Jahre 1723, eine Stelle für einen juristischen Lehrstuhl war in Neapel ausgeschrieben, scheiterte endgültig sein Versuch, Einzug in die Rechtsfakultät zu erhalten und damit auch seine finanzielle Lebenslage aufzubessern. Sein Vortrag hatte eine Interpretation der Digestenstelle D,19,5,1 zum Inhalt: De praescriptis verbis et in factum actionibus (Über die Klagen mit vorgeschalteten Formelworten und über die auf den Sachverhalt zugeschnittenen Klagen). Vico wusste zunächst nicht, dass die Professur vorab in der Kommission längst vergeben war, so zog er verbittert seine Bewerbung zurück. Es waren die schwersten Stunden seines Lebens, so bekannte der 55jährige, weil er in seiner Heimat keine für ihn würdige Stellung erhalten hat. Seine eigene Professur für Rhetorik übernahm 1741 sein Sohn Gennaro.

Im Jahre 1720 erschien zu Neapel sein dreibändiges juristisches Werk: De universi iuris uno principio et fine uno, von Vico selbst stets als „il diritto universale“ betitelt, in dem auch eine Geschichte des römischen Rechts enthalten ist. Fünf Jahre später publizierte Vico erstmals sein wirkungsmächtigstes Werk, die Principi di Scienza Nova, das zu verstehen nach Vicos eigenem Verständnis erst nach dreimaligen Lesen zu erreichen ist. 1730 folgte die zweite, und schließlich 1744 die dritte, letzte und nochmals erweiterte Fassung. Neben einer Reihe anderer Publikationen, seine Opere wurden in Neapel 1858-1860 in acht Bänden gedruckt, war kennzeichnend für Vico das, was Savigny mit „übersehen“ bezeichnet hat. Vico geriet in Vergessenheit, schon zu Lebzeiten; er selbst nannte sich einen „straniero nella sua patria“. Jahrhundert für Jahrhundert wurde Vico neu entdeckt und rezipiert, vor allem im Mittelmeerraum. Heute steht die oben abgebildete Statue von ihm vor dem Justizministerium in Rom neben den anderen großen italienischen Juristen wie Bartolus de Saxoferrato, Gianbattista de Luca oder die klassischen römischen Juristen wie Ulpian, etwas, was Savigny als vindiciren bezeichnet hat.

Vico teilt die gesamte Menschheitsgeschichte in drei Perioden, das Zeitalter der Götter, der Helden und der Menschen, eine Vorstellung, die besonders im 19. Jahrhundert mit seiner romantischen Grundeinstellung breiten Einfluss gewinnen sollte, von Savigny bis Richard Wagner, dessen Ring des Nibelungen eine Vertonung der Ideen Vicos sein könnte. Die Menschwerdung fängt nach Vico mit dem Recht an, oder wie Wagners Wotan es ausdrückt: „nun bin ich der Verträge Knecht“. Die Herrschaft der Gesetze begründet das Zeitalter der Menschheit, weil „zuletzt reflektieren sie (die Menschen) mit klarem Geiste.“ Je mehr die Gesetze in der Landessprache verfasst werden, umso mehr würden die Plebejer die Kontrolle darüber ausüben und zum Souverän des Staates werden. Vico war auch fasziniert von der Möglichkeit einer idealen Rechtsordnung, einem „diritto universale“. Vor diesem Hintergrund erforschte er das Recht in seiner Geschichtlichkeit bis zu den römischen XII-Tafel-Gesetzen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, deren umfassende Rekonstruktion er längere Zeit im Sinne hatte. Die Geschichtlichkeit des Rechts, darin erblickte die historische Rechtsschule in Vico einen Vorkämpfer, führt jedoch ein „diritto universale“ ad absurdum, es ist eine unhistorische Betrachtung der Geschichtlichkeit des Rechts. Es ist eine Idee, vielleicht eine Sehnsucht, ein übergeordnetes Naturrecht als Grundlage jedes Rechtssystem zu erkennen, sowie es Savigny im Ius Romanum zu finden glaubte. Vico erkennt jedoch die Abhängigkeit des Rechts von Zeit, Ort, Sitte und auch Klima, damit war er auch ein Vordenker von Montesquieu oder wie Hermann Vultejus es formulierte: libri juris non fuerunt omni tempore uniusmodi.

Von Hugo Grotius war Vico fasziniert, und er fing auch an, einen umfassenden, aber schließlich abgebrochenen Kommentar zu dessen Hauptwerk „de iure belli ac pacis“, erstmals 1625 gedruckt, zu schreiben. Die von Grotius hergestellten Verbindungen von Philosophie, Philologie und Jurisprudenz waren für Vico Grundelemente, auch die Hinwendung zur Theologie. Beim Studium der Entwicklung des Rechts, der Geschichtlichkeit der Gesetze, nimmt Vico wahr, dass das Recht durch die Rechtsgleichheit immer milder wurde, und damit geradezu einen Plan der Vorsehung erfülle, denn die Grundregeln des Christentums sollten bestimmend werden, so seine Hoffnung. Sogar bei Kant kann man Impulse von Vico erblicken, so begründe das Wissen, das Wollen und schließlich das Können die menschlichen Eigenschaften, die dann gesellschaftliche Grundstrukturen ausbilden.

Der Geist von Vico, er verstand sich immer auch als ein Beispiel für alle, kannte keine geistigen Grenzen und keine Fakultätszuschnitte. Die Jurisprudenz blieb für Vico jedoch Ausgangspunkt seiner Überlegungen.

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